
Konstanzer Maultasche 2011 ging an den Terra-Verlag
Wochenlang mussten sie an leergeräumten Schreibtischen sitzen und durften nur die Wand anstarren. Sie hatten klaglos Aktenordner und Papiere wegzuräumen, die der Chef nachts aus den Regalen riss. Mitten im Winter wurde befohlen, auf dem Firmenparkplatz das Gras zwischen den Pflastersteinen rauszurupfen. Sie wurden angeschrieen, bedroht, abgemahnt und bekamen eine Kündigung nach der anderen – und das nur, weil sie einen Betriebsrat gegründet hatten und ihr verbrieftes Recht auf Mitbestimmung wahrnehmen wollten.
All das berichteten B. und E., zwei ehemalige Betriebsrätinnen, Ende August auf der Pressekonferenz anlässlich der Verleihung des Konstanzer Maultaschenpreises 2011. Ihr früherer Chef Dirk Heizmann, Geschäftsführer des Konstanzer Terra-Verlags, hatte sie über Jahre hinweg dermaßen unter Druck gesetzt, das sie nach langjähriger Tätigkeit 2010 den Verlag verliessen. Sie hielten den “Terror”, wie Frau B. die Zermürbungsstrategie der Geschäftsleitung nannte, einfach nicht mehr aus.
In all seinen Jahren als aktiver Gewerkschafter habe er es noch nie erlebt, dass „so auf Menschen eingedroschen wird”. Mit diesen Worten begründete Markus Klemt, Sekretär der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di im Bezirk Schwarzwald-Bodensee, die Verleihung des Maultaschenpreises 2011 an den Konstanzer Terra-Verlag.
Terra-Geschäftsführer Heizmann hat nicht nur die gewählten Betriebsratsmitglieder schikaniert. Er halbierte auch die einst 30-köpfige Belegschaft. "Manche sind entlassen worden und bekamen danach eine neue Stelle angeboten – von einer Leiharbeitsfirma, die Heizmann in Kreuzlingen gegründet hat", sagte eine ehemalige Betriebsrätin. Ihnen wurde also der alte Arbeitsplatz wieder angeboten – allerdings zu erheblich schlechteren Bedingungen.
"Das Credo dieser Firma lautet: teile und herrsche", sagte Raoul Ulbrich, zweiter Bevollmächtigter der IG-Metall-Verwaltungsstelle Singen, ebenfalls an der Pressekonferenz. Damit meinte er das Singener Metallunternehmen E.W. Gohl, das vom Maultaschen-Komitee den zweiten Platz zugesprochen bekam. Auch die drei Gohl-Geschäftsführer hatten die gesetzlichen Mitbestimmungsrechte missachtet. Außerdem hat der Betrieb trotz voller Auftragsbücher den rund siebzig Beschäftigten seit zehn Jahren keine Lohnerhöhung zugestanden. Der dritte Preis (siehe die ausführliche Würdigung unter Preisträger) ging an den Insolvenzverwalter Norbert Wischermann, der die Belegschaft des Anlagenbauers Maurer-Atmos (Reichenau) gezielt gespalten hatte.
Nach der Pressekonferenz im Konstanzer DGB-Haus schritt das Maultaschenkomitee zur Verleihung der großen und extra für diesen Anlass angefertigten Maultasche. Im Unterschied zu anderen Negativ-Awards, die nie die Preisträger erreichen, sucht die Jury die Gewinner höchstpersönlich auf. Im vergangenen Jahr nahm der Vater des Hoteliers Thomas Tweer den Preis entgegen.
Dirk Heizmann vom Terra-Verlag aber liess die Tür verschlossen; er verweigerte das Gespräch. Die Laudatio wurde trotzdem gehalten: vor dem Firmensitz im Konstanzer Musikerviertel per Megafon und gut hörbar für die Beschäftigten und alle Anwohner. Danach legte die Delegation die Maultasche mit einer schriftlichen Würdigung vor die Tür des Verlagsgebäudes.
Da das Lokalblatt "Südkurier" der Einladung zur Pressekonferenz nicht gefolgt war und auch nichts über die Verleihung vermeldete, hat das Maultaschen-Komitee ein Flugblatt entworfen. Man kann es herunterladen, ausdrucken, an Schwarze Bretter hängen, an Bekannte weiterreichen, in der Stadt verteilen. Das Flugblatt finden Sie hier.
Die Konstanzer Maultasche
ist ein Preis, den niemand will – und den doch viele Unternehmen verdient haben. Denn mit ihm prämieren wir, ein unabhängiges Komitee engagierter BürgerInnen, besonders beschäftigtenfeindliches Verhalten im Landkreis Konstanz.Auch in diesem Jahr haben wir wieder unter mehreren Firmen und Einzelpersonen auswählen müssen, die sich in letzter Zeit besonders hervorgetan haben. Denn trotz des Aufsehens, das die fristlose Kündigung einer lang gedienten Altenpflegerin 2009 erregte, die sich ein paar Maultaschen auf die Seite gelegt hatte, schikanieren Großunternehmen, Kleinbetriebe, Manager im öffentlichen Dienst, Behörden und selbst Wohlfahrtseinrichtungen ihre Beschäftigten. Da werden langjährige MitarbeiterInnen geschuriegelt und Betriebsräte gemobbt; da verweigern Geschäftsführungen ihren Belegschaften die ihnen zustehenden Rechte; da spielen Insolvenzverwalter mit der Angst.
So manche Personalmanager glauben, sich alles herausnehmen zu dürfen – weil ja niemand hinschaut. Genau das aber wollen wir verhindern. Und deshalb verleihen wir jedes Jahr den Konstanzer Maultaschenpreis.
Auf dieser Website erfahren Sie, wer im vergangenen Jahr seine Lohnabhängigen wie behandelt hat, wer nominiert wurde und wer die Auszeichnung schließlich entgegennehmen durfte.